Institut zur Fo(e)rderung besonderer Begabungen
Dr. Beate Gerstenberger-Ratzeburg

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Sie denken schneller und querer

17.08.2006

Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Ruhrgebiet 17.08.2006

Von Susanne Schild Witten. Langweilig, genauer "laaaaaaangweilig" findet es Sonja in der Schule. "Meistens nehme ich dann ein Blatt und male." Bunter Pulli, Pagenschnitt und kecker Blick - eigentlich sieht die Neunjährige wie viele andere Viertklässler aus. Doch ist Sonja anders, hoch begabt nämlich. Und damit kein kleiner Streber, eher ein gefährdetes Kind. "Hoch begabte sind ganz normale Kinder. Sie denken nur schneller und querer und sind ihren Altersgenossen zwei, drei Jahre voraus", sagt Psychologin Beate Gerstenberger-Ratzeburg. Informationen werden spielend leicht abgespeichert, Hausaufgaben nebenbei im Schulbus gemacht, Klassenarbeiten en passant geschrieben. Weitere Kennzeichen: Riesiger Wissensdurst, schnell einsetzende Langeweile, Außenseiterdasein. "Stellen Sie sich vor, Sie langweilen sich über Jahre hinweg. Da sucht sich jeder ein Ventil". Mädchen werden oft still, in sich gekehrt, bekommen gar Depressionen. Jungs machen den Klassenclown, auf der Suche nach Anerkennung. Später setzt paradoxerweise ein deutlicher Leistungsabfall ein, wenn der Instinkt nicht mehr ausreicht, eine Textaufgabe in Mathe zu lösen, und das Kind nie gelernt hat, wie man richtig lernt. Felix ist so ein Fall. Mit vier Jahren konnte er in Tausendern rechnen. Er schlug seinen Vater im Schach. Er stand vor dem CD-Regal und diktierte, welche Nummer welches Lied auf welcher CD hat. Er hörte ein Lied im Radio und trällerte anschließend den englischen Text. Aber als Felix eingeschult wurde, konnte er auf einmal weder lesen noch schreiben, störte statt dessen regelmäßig den Unterricht. Nun schicken die Eltern den: Sechsjährigen morgens in die zweite Klasse und nachmittags zu anderen Kindern ins Wittener Institut zur Förderung besonderer Begabungen. Beate Gerstenberger-Ratzeburg hat es vor sechs Jahren gegründet; sie selbst ist Mutter zweier hoch begabter Kinder. Mütter aus ganz NRW sitzen im Warteraum und teilen das Leid, ihren ewig unterforderten Kindern irgendwie gerecht zu werden. Dazu kommt der Vorwurf, zu ehrgeizig zu sein. "Wir haben wirklich nichts gemacht und auf einmal konnte Laura lesen", sagt Susanne Zimmermann aus Mettmann. "Man kann sie überhaupt nicht bremsen." Vor einem Jahr wurde ihre Tochter eingeschult, nach wenigen Monaten stand fest, dass sie eine Klasse überspringen darf, nun geht die Siebenjährige in die dritte Klasse. "Wir müssen das auffangen, was die Schule nicht leisten kann", beschwert sich Sonjas Mutter Nanni Klöhn, die gleich drei besonders begabte Kinder hat. "Man darf den Lehrern keinen Vorwurf machen", findet Beate Gerstenberger-Ratzeburg. "Sie haben niemals gelernt, wie man mit hoch Begabten umgeht." Dabei gelten rein statistisch von 100 Kindern 15 bis 16 als besonders begabt, zwei bis drei sogar als hoch begabt. Theoretisch sitzt also in jeder Grundschulklasse ein besonders schlaues Kind. Während man künstlerische oder sportliche Begabungen fördert, sind kleine Kombinierer bis heute auf den guten Willen und das Budget ihrer Eltern angewiesen. Nicht alle können sich etwa einen Chinesisch-Kurs leisten. Ob hoch begabte Kinder besonders schlaue Eltern haben, ist übrigens nicht bewiesen. "Die Intelligenz ist in allen Schichten gerecht verteilt", sagt die 46-jährige Institutsleiterin. "Aber Akademiker-Eltern erkennen die Begabung ihrer Kinder schneller." Sie selbst hat ihren IQ übrigens nie testen lassen: "Ich kenne die Antworten aus den Standard-Tests doch auswendig."