Institut zur Fo(e)rderung besonderer Begabungen
Dr. Beate Gerstenberger-Ratzeburg

Schlachthofstr. 27, 58455 Witten
Postfach 6243, 58431 Witten

Tel.: 02302 / 80 19 26
Fax: 02302 / 27 82 91

E-Mail: info@infobeg.de
Internet: www.infobeg.de


Rohdiamanten schalten in der Schulbank ab-Schwere Förderung für Hochbegabte

16.02.2002

Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Bochum 16.02.2002

Von Eberhard Franken, Linden. Bei der Diskussion zum Thema "Überdurchschnittliche Begabung" in der Augusta-Akademie wogten die Emotionen - und die Nerven lagen oftmals blank: "Hab' ich als Mutter etwas falsch gemacht?" Vier Stunden dauerte die Marathon-Veranstaltung. Ganz offenkundig waren viele der anfangs gut 100 Besucher gekommen, um sich Lösungen für ihr ganz persönliches Problem mit begabten Kindern abzuholen. Schließlich hatte die Augusta-Akademie für diesen Abend Helmut Lewandowski eingeladen, den Beauftragten der Bezirksregierung Arnsberg zum Thema "Besondere Begabung". Sicher nicht nur deshalb befanden sich im Auditorium sehr viele Pädagogen, die sich informieren, gemeinsam nach Lösungen suchen wollten. Auf wirkliche Lösungen warteten die Anwesenden allerdings vergebens. Was sie jedoch mitnehmen konnten, waren Anregungen und viele Informationen. Mehr aber hatte die Veranstalterin, die Wittener Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin Beate Gerstenberger-Ratzeburg, auch gar nicht angekündigt. Die große Zahl der Eltern, die sogar aus Witten, Herne, Hattingen und Essen angereist waren, dokumentiert den Ernst der Lage im Bereich der Förderung besonders begabter Kinder "An diesem Abend ist die Not der Eltern mehr als deutlich geworden", sagte Iris Dörr-Hartunger, die Nachfolgerin von Helmut Lewandowski als Beauftragte. Auch sie stand in der Augusta-Akademie Rede und Antwort. Die Eltern schimpften über die Unfähigkeit der Lehrer, besondere Begabungen zu erkennen. Sie stellten dar, dass die Pädagogen unterforderte, demotivierte Kinder, die längst "abgeschaltet" haben, nicht fördern wollen oder können. Lehrer-Zitat: "Wenn er so begabt ist, soll er das doch zeigen - und nicht nur Fünfen schreiben." Dörr-Hartunger als neue Ansprechpartnerin für Gymnasien will den Aufbau des Moderatoren-Netzwerkes vorantreiben. "Damit es an allen Bochumer Gymnasien Ansprechpartner gibt." Sie nennt das holländische "Drehtür-Modell", das Bildungsinhalte individualisieren soll. Oder Modelle in Köln und Siegen, wo besonders Begabte parallel zur Schule Uni-Vorlesungen besuchen können. Alles zur Abbau von Langeweile. Alles, um diese "Rohdiamanten" zu fördern. "Früherkennung" in den Grundschulen wird immer wichtiger. Auch über Probeversetzungen und sogenannte Lernbegleiter, die dem hochbegabten "Leistungsverweigerer" das Lernen vermitteln sollen.   All das erfordert viel Personal - und damit viel Geld, das es nicht gibt. Kein Wunder, dass betroffene Eltern verzweifeln und in Zynismus verfallen. Aber auch bei den Lehrern macht sich eine gewisse Bitterkeit breit. Manch einer will inzwischen sogar einen "Modetrend Hochbegabung" erkannt haben, der Schulversagern eine Nische öffne. Streit gibt es allemal - aber auch tröstliche Worte von Helmut Lewandowski. Erstens: "Durch die Diskussion um Begabte ist das Schulrecht flexibler geworden." Zweitens: "85 Prozent alles besonders Begabten durchlaufen das Gymnasium ganz ohne Probleme."