Institut zur Fo(e)rderung besonderer Begabungen
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Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Lokalausgabe Haltern 04.06.2005
von Beate Mertmann, Haltern Keine Frage: Maren Heinz (heute elf) war das, was man "ein schwieriges Kind" nennt. Sie wirkte, als lebe sie in ihrer eigenen Phantasiewelt. Ihre Launen, Gefühlsausbrüche, schließlich auch Aggressivität waren von Lehrern und Mitschülern gefürchtet. Das Problem: Keine/r fragte, warum das so ist. Das Drama eines hochbegabten Kindes.Niemand wollte ihren Eltern glauben, dass ihre Tochter nicht krank, nicht geistig behindert oder seelisch gestört ist, sondern "nur" anders als andere Kinder, nämlich hochbegabt. Wobei Maria Heinz, die Mutter, einräumt, dass auch sie ihre Tochter oftmals als "unheimlich anstrengend" erlebt hat. "Sie brauchte nur ganz wenig Schlaf, wollte ständig beschäftigt werden", schildert die 40-Jährige. Nach einer anfänglich gestellten Diagnose galt Maren Heinz als "erziehungsschwieriger Zappelphilipp". Das Mädchen interessierte sich nicht für Bi-Ba-Butzelmann oder sonstige Unterhaltung. "Damals fragte sie mich, als sie eines Abends in der Badewanne saß: ,Wenn ein Astronaut in der Schwerelosigkeit im All pupst, bewegt er sich dann in die entgegengesetzte Richtung'?", erinnert sich Vater Hans-Georg Heinz. Der 41-Jährige fand die Frage erstaunlich. Aber erst später wurde ihm klar, "dass Maren in ihrem eigenen Kosmos lebt." In einer Gedanken- und Lernstruktur, in die ihr die meisten Mitmenschen nicht folgen können. "Schule ist langweilig", sagte sie anfangs. Dann: "Ich will da nicht mehr hin. Schließlich sagte sie gar nichts mehr, war nur noch tief deprimiert. Ist in den Pausen nur noch in den Raum mit dem Boxsack gelaufen und hat draufgedroschen." Die Eltern sollten strenger mit ihr sein? "Wir haben gefordert, dass sie ihr Buch nehmen und für die Klassenarbeit am nächsten Tag lernen solle. Sie hat gesagt: ,Ich lerne nicht aus dem Buch, ich lerne aus dem Kopf.' Die Arbeit war Eins, was sollten wir da schimpfen?" Gutachter Hagen Seibt aus Bochum bescheinigte der Schülerin im Juni 2004 einen Intelligenzquotienten (IQ) von 134. "Dies heißt, dass sie zu den ein Prozent der Begabtesten im Vergleich zur Altersgruppe gehört." Doch auch ein gemeinsames Gespräch mit einem anderen Gutachter half den Eltern nicht, die Lehrer der Martin-Luther-Grundschule zu überzeugen. Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Christoph Schmitz (Haltern) wundert sich in einer gutachterlichen Stellungnahme vom 1. Februar 2004, dass "beide Lehrerinnen sehr rigide auf ihrem Standpunkt beharrten, bei Maren handele es sich um eine eindeutige Erziehungsproblematik". Dass die Lehrerinnen "sogar ein Asperger-Syndrom - eine etwas mildere Form des Autismus - diagnostiert hatten". Somit "ist der Versuch einer Klärung im Sinne von Maren, kläglich gescheitert", so der Facharzt. "Weder seine Bewertung noch das Gutachten zur Hochbegabung erreichten das zuständige Schulamt. Die angebotenen Hilfen der Martin-Luther-Schule reichten von der vorübergehenden Unterbringung in der Jugendpsychiatrie in Bochum bis zu einem Internat für erziehungsschwierige Kinder", so die Eltern. "Wir kamen uns völlig rechtlos vor. So, als wären wir auf ein Gleis gesetzt worden und rasten auf einen Prellbock zu - und könnten absolut nichts machen." Zu diesem Gefühl trug bei, dass sie unerklärliche Absagen bekamen, vom Gymnasium Buldern, von der Realschule Haltern gar nach vorheriger Zusage. "Wir wussten nicht, dass die Lehrerinnen dem Schulamt einen vernichtenden zehnseitigen Bericht über unsere Tochter geschickt hatten. Samt der Beurteilung, dass Maren in eine Schule müsse, wo es einen eigenen ,Raum für Einzelförderung und Problemlösungsversuche' geben müsse sowie eine individuelle Betreuung in den Pausen." Die Eltern versichern: "Uns hat man einen völlig anderen Bericht vorgelegt, der fürs Schulamt sei. Den haben wir auch so akzeptiert und unterschrieben. Darin waren Marens Stärken beschrieben, auch ihre Schwächen, aber moderat und neutral, ganz anders als in dem, der einzig im Schulamt vorliegt." Diesen Bericht bekamen die Eltern erst, als sie einen Rechtsanwalt zur Durchsetzung dessen engagierten, was sie für richtig hielten: Maria und Hans-Georg Heinz hatten durch Eigeninitiative die Privatschule "Assnide" in Essen für ihr Kind gefunden. Diese arbeitet mit dem "Institut zur Fo(e)rderung besonderer Begabungen im Forschungs- und Entwicklungszentrum an der Uni Witten/Herdecke" zusammen. Maren wurde jedoch von der Schulbehörde Recklinghausen zur Erich-Kästner-Schule für Lernbehinderte eingewiesen. "Dort wäre sie nicht nur unterfordert gewesen, dort wäre sie zugrunde gegangen", so die Eltern. Sie setzten sich durch. "Das Schulamt gewährte uns nach Vorlage des Gutachtens eine Bewährungszeit. Wir brauchten ein halbes Jahr, in dem Maren viel in der Schule und an sich arbeitete. Mit weiteren Gutachten, Zeugnissen und einer neuen Beurteilung durch die Schule konnten wir erreichen, dass alle Auflagen und das Sonderschulverfahren zurückgezogen wurden." Hans-Georg Heinz: "Es war fünf vor zwölf. Maren war durch die Enttäuschungen in der Schule in einer schweren seelischen Krise. Sie traute sich nichts mehr zu, nicht mal mehr vor die Haustür." Seit dem Schuljahr 2004/05 besucht die Elfjährige die fünfte Klasse der Assnide-Schule, eine private Regelschule in Essen. Ist dort in einer Klasse mit sieben Schülern. Die Entwicklungsberichte, die den Eltern zugesandt werden, klingen sehr gut. "Für das Fach Mathematik wird Maren versuchsweise in der kommenden Zeit am Unterricht der nächsthöheren Klasse teilnehmen", heißt es zuletzt unter anderem. "Maren musste erst ihre Fähigkeiten neu entdecken. Sie hatte jedes Zutrauen in sich verloren. Aber sie hat einen Schuss gemacht, der selbst uns überrascht", freuen sich die Eltern. "Während es in der Grundschule hieß, sie könne sich nicht selbst steuern, sich nicht konzentrieren, nicht in ihre Mitmenschen hineinversetzen, arbeitet sie dort mit hohem Einsatz mit. Spielt mit anderen Kindern - und ist sogar stellvertretende Klassensprecherin! Sie wird gefordert und gefördert, bekommt Anerkennung - das alles ist heilende Salbe für ihre Seele. Unsere Erfahrungen zeigen, dass es sich lohnt, sich für diese Kinder einzusetzen."