Institut zur Fo(e)rderung besonderer Begabungen
Dr. Beate Gerstenberger-Ratzeburg

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Fallbeispiele

03.09.2008

Ina

Ina kommt mit drei Jahren in den Kindergarten und ist dort bereits den Gleichaltrigen weit voraus. Sie hat keine Lust mit ihnen zu spielen, sondert sich ab. Zu Hause erzählt sie, sie könne mit dem Babyspielzeug nichts anfangen. Auch die täglichen Bastelarbeiten findet sie langweilig, eilig erledigt sie diese "lästige" Aufgabe mit dürftigem Ergebnis. Die Kinder meckern an ihrer schlechten Arbeit herum. Dafür behält Ina jedes Lied sofort, kann jede Geschichte fehlerlos nacherzählen und kann die Texte jederzeit wiedergeben. Auch die vorhandenen Puzzles erledigt sie im Handumdrehen. Als sie sich immer häufiger weigert in den Kindergarten zu gehen, wird den Eltern geraten, mit Ina eine Erziehungsberatungsstelle aufzusuchen. Der dort durchgeführte IQ -Test weist einen IQ von 122 aus. Ina ist überdurchschnittlich, d.h. besonders begabt. 

Julia

Julia ist 13 Jahre und besucht die 7. Klasse einer Realschule. Seit einiger Zeit hat sie keine Lust mehr in die Schule zu gehen, die Noten werden schlechter und sie beginnt zu schwänzen. Obwohl sie scheinbar normal bis viel isst, wird sie zusehends dünner. Die Mutter schob dies alles zunächst auf die Pubertätsphase des Kindes, macht sich aber immer stärkere Sorgen und sucht einen Arzt auf. Auch bei Julia ist organisch alles in Ordnung. Allerdings gibt der Arzt der Mutter den Rat, die Essgewohnheiten der Tochter zu beobachten. So bemerkt die Mutter eines Tages, dass Julia sich nach dem Essen auf der Toilette übergibt. Julia bekommt psychiatrische Hilfe, wobei auch ein IQ - Test durchgeführt wird. Dieser ergibt eine Wert von 119, womit auch Julia besonders begabt ist. Allerdings sieht der betreuende Psychiater noch keinen Handlungsbedarf. Da sich die Mutter keinen Rat mehr weiß, wendet sie sich an uns und wir beraten die Familie, Julia mehr zu fordern. Nach und nach kommt Julia über den stärker geforderten Privatbereich auch immer mehr in eine intensive Förderung auf schulischem Gebiet. Mit Hilfe des PC s arbeitet sich Julia immer weiter vor, so dass sie plötzlich weit über dem Klassenschnitt steht. Dies geschieht heimlich, da die Schule nicht hinter ihr steht, sich aber über diese Erfolge sehr wundert. Anschließend wurde Julia auf ein Gymnasium umgeschult, wo es ihr jetzt immer besser geht.

Tim

Tim ist 15 Jahre alt und besucht die 9. Klasse eines Gymnasiums. Bis zum Ende der 7. Klasse lief alles gut, die Noten waren o.k., mit den Lehrern kam er gut zurecht und auch zu Hause gab es wenig Probleme. Er gehörte zu den Klassenbesten. Freunde hatte er allerdings nur wenige. In der 8. Klasse wechselten alle Lehrer. Auch wurden nach und nach die Noten immer schlechter. Es begann mit einer Fünf in Deutsch. Tim war entsetzt. Er nahm sich deshalb fest vor, in der nächsten Arbeit wenigstens eine Zwei zu schreiben, damit er die schlechte Note ausgleichen konnte. Doch auch die zweite Arbeit war nur eine schwache Vier. Tim verstand das alles nicht. Von seinen Klassenkameraden musste er sich dumme Sprüche anhören und die Lehrerin fragte ihn, was mit ihm los sei. Tim konnte es nicht erklären. Auch die dritte Arbeit setzte er in den Sand. Glatt Fünf. Mittlerweile hatte Tim schon riesige Angst in eine Klassenarbeit zu gehen. Dies bezog sich nicht nur auf Deutsch, denn auch in den anderen Fächern blieben plötzlich die guten Noten aus. Bereits im zweiten Halbjahr waren auch die Noten in den anderen Hauptfächern auf Drei abgerutscht. Für den ehrgeizigen Tim eine Katastrophe. Er setzte sich deshalb immer weiter unter Druck, versuchte immer wieder in der nachfolgenden Arbeit mindestens eine Zwei zu schreiben, was ihm aber nicht gelang. Er wurde am Schuljahresende zwar versetzt, jedoch war sein Selbstwertgefühl gewaltig angeknackst. Als die Noten auch zu Beginn der 9.Klasse nicht besser wurden, begann Tim die Schule zu schwänzen. Die Hänseleien der Mitschüler hörten auch nicht auf und auch zu Hause gab es immer nur Ärger, denn mittlerweile vergaß Tim auch Hausaufgaben, Arbeitsmaterialen u.a. wichtige Dinge. Selbst Termine von Klassenarbeiten vergaß er. Er bekam zum Halbjahr sein schlechtestes Zeugnis der gesamten Schulzeit. Die Versetzung war extrem gefährdet. Da beschloss er die Schule komplett zu verweigern. Die Schule verlangte daraufhin, dass die Eltern mit Tim eine Therapie beginnen sollten, doch dieser verweigerte auch das. Das Jugendamt wurde eingeschaltet und die Situation eskalierte. Da fiel den Eltern ein, dass Tim irgendwann einmal getestet wurde. Es wurde ihm damals ein IQ von 135 bescheinigt. Tim ist also hoch begabt. Die Eltern setzten sich mit uns in Verbindung. Wir empfahlen ein Coaching, um Tim weiterzuhelfen. Da Tim bereits 15 Jahre alt ist, gaben wir zu bedenken, dass ein Coaching in solch einem Fall langfristig anzusetzen ist. Mittlerweile geht Tim wieder zur Schule, aber an seinem angeknacksten Selbstwertgefühl muss noch gearbeitet werden.